Autorenlesung in Hardheim: ZDF-Journalist Jürgen Erbacher referierte in seinem Heimatort
Veranstaltung der KÖB - Vatikan ist weitaus mehr als ein Museum
Hardheim. Eine Autorenlesung mit Jürgen Erbacher gab es am Donnerstagabend zum Abschluss
der Feierlichkeiten zum 160-jährigen Bestehen der Katholischen Öffentlichen Bücherei (KÖB).
Der aus Hardheim stammende Theologe, Politikwissenschaftler und ZDF-Journalist ist nach
seiner Tätigkeit bei Radio Vatikan als Vatikanexperte anerkannt. Der sympathische
Fernsehjournalisten verstand es einmal mehr, in seinem Heimatort eine große Zahl von
Interessenten mit seinem informativen Vortrag zu seinem im Mai erschienenen Buch
"Vatikan - wissen, was stimmt" aus dem Herder-Verlag zu fesseln.
Nach der Begrüßung
durch Gabriele Berberich als Repräsentantin der Katholischen Öffentlichen Bücherei
informierte Jürgen Erbacher zunächst über seine aktuelle Tätigkeit beim ZDF in der
katholischen Kirchenredaktion und über die vierteilige, gemeinsam mit Nina Ruge gestaltete
Serie zu katholischen Feiertagen. Ständig pendle er zwischen Mainz und Rom.
Sein neues Buch gehört zu einer informativen Reihe des Herder- Verlags. Mit Blick auf den
Titel kam Jürgen Erbacher auf die Tatsache zu sprechen, dass sich um den Vatikan
verschiedenste Klischees ranken, die er mit sachlicher Information und der Darstellung
der tatsächlichen Gegebenheiten zu widerlegen oder zu bestätigen bemüht sei.
In seiner Autorenlesung verdeutlichte Jürgen Erbacher, dass der Vatikan weitaus mehr als
ein Museum ist, auch wenn sowohl der Petersdom als auch die Sehenswürdigkeiten der Vatikanstadt
und der Vatikanischen Museen Millionen von Besuchern anziehen. Der Beachtung empfahl der
Vatikanexperte die Tatsache, dass seit der Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst die
Besucherzahl, insbesondere aus Deutschland, immens gestiegen sei. Andererseits gab Erbacher
zu, dass sich der Vatikan nicht gerne in die Karten schauen lässt und dort sehr diskret
gearbeitet wird. Darin würden von politischen Kreisen - auch in Deutschland - Vorteile
gesehen, sagte der Journalist, der darauf hinwies, dass der Heilige Stuhl durch die
hervorragende Vernetzung der kirchlichen Strukturen in aller Welt einen wichtigen
Umschlagplatz für Informationen darstellt.
Im Vatikan würden diskret auch
mancherlei Gruppierungen zusammengeführt und es sei spannend, wie man dort politisch
aktiv werde. So stelle der Vatikan in mancherlei Belangen einen wichtigen Mitspieler dar.
Er greife nicht direkt in die Politik ein, sei aber ein wichtiger Ansprechpartner.
Immerhin unterhält der Vatikan zu insgesamt 177 Staateniplomatische Beziehungen.
Auch über die Nuntiaturen werden Kontakte gehalten. Bei den Neujahrsempfängen im Vatikan w
erde deutlich, dass das Wort des Papstes Gewicht hat. Der Heilige Vater betreibe allerdings
keine Politik in einzelnen Ländern, sondern unterstütze dort entsprechende Gruppen.
Vom Papst sei die Forderung ergangen, sich durchaus in die Politik einzumischen, insbesondere
um die christlichen Standpunkte zu vertreten und sich gegen Gesetze zu wehren, die
christlichen Prinzipien widersprechen. Es gehe ihm auch darum, die Laien zu aktivieren
und Organisationen zu unterstützen, die mit Wissen des Vatikans arbeiten.
Man ergreife im Vatikan auf jeden Fall Position und strebe ein sozial-gerechtes System an.
Der Kirchenstaat stelle eine Größe dar, mit der man rechnen könne und müsse. Auch die
Botschafter, so Erbacher weiter, beobachten aufmerksam, was rund um den Vatikan geschehe.
"Er stellt also weitaus mehr dar als ein Museum."
Nachdem der Referent die Wege der Politik und die moralische Autorität des Papstes
dargestellt hatte, befasste er sich unter anderem mit der Organisation des Vatikanstaats
und mit dem so genannten Heiligen Stuhl als Leitungsorgan der katholischen Weltkirche.
Der Vatikan wurde als unabhängiger Staat mit eigenem, wenn auch kleinen Staatsgebiet und
eigener Staatsgewalt beschrieben. Dieser entstand in seiner heutigen Gestalt 1929 durch
die Lateranverträge.
Zu hören gab es für die Besucher in der Folge mancherlei
Interessantes über den Alltag im Vatikan - mit Einzelheiten dazu wird sich auch Jürgen
Erbachers nächstes Buch befassen, zu finanziellen Angelegenheiten und zu finanziellen
Leistungen für den Vatikan wie Diözesanhilfen und Peterspfennig.
Angesprochen wurden das Vermögen und die Werte der Gebäude und Kunstwerke sowie die
angeblichen Einflüsse, die manchen Gruppen zugesprochen werden.
Weitere Themenbereiche waren die Leitung der Weltkirche, in der Laien gemäß der Struktur
der Kirche ohne Bedeutung sind, während sie andererseits in Beratergremien in Erscheinung
treten. Frauen sollen künftig verstärkt in Positionen vertreten sei, sei ein Ziel, doch
ließe sich ein diesbezügliches Klischee nicht unbedingt widerlegen, so der
Fernsehjournalist.
Jürgen Erbacher betonte nachdrücklich, dass keine einzelne Gruppe den Weg der Kirche
bestimmt und die Nationalgruppen im Vatikan an Bedeutung verloren hätten, während der
spirituellen Ausrichtung erhöhte Bedeutung zukomme.
Mit großer Aufmerksamkeit
folgten die Besucher den überzeugend vorgetragenen Erläuterungen des Buchautors und
hatten im Anschluss daran Gelegenheit, sich Antworten auf ihre Fragen, beispielsweise zur
Ökumene und zu Reisen des Papstes, geben zu lassen. Dabei konnte Jürgen Erbacher keine
Anzeichen für einen Papstbesuch in Deutschland im kommenden Jahr sehen und somit natürlich
auch nicht in Walldürn.
Mit Dankesworten und einer Erinnerungsgabe verabschiedete
Gabriele Berberich den in jeglicher Hinsicht überzeugenden Buchautor. Z
Fränkische Nachrichten
29. November 2008
Bericht in RNZ
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