Hardheim hatte Badens erste Volksbücherei

    1848 wurde im Erftal der Borromäusverein gegründet

    Die Bücherei sollte der Belehrung und Unterhaltung der Bevölkerung dienen

    Von unserem Redaktions-
    mitglied Ingrid Eirich-Schaab












    Hardheim. Die Katholische öffentliche Bücherei Hardheim feiert ein außergewöhnliches Jubiläum: Der Trägerverein, der so genannte Borromäusverein, wurde vor 160 Jahren, am 20. Oktober 1848 und damit noch vor dem Borromäusverein der Erzdiözese Freiburg gegründet. Eine rege Tätigkeit lässt sich ab 1860 anhand von Beitragssummen in den statistischen Unterlagen des Borromäusvereins in Bonn belegen.

    Bibliotheksgründung

    Im Revolutionsjahr 1848 gründete Franz Josef Ritter von Buß den so genannten "Katholischen Verein", der unter anderem die Pfarrgemeinden zur Mitarbeit im öffentlichen Leben aufrufen und sie über die Notwendigkeit ihrer Mithilfe und Mitarbeit im öffentlichen Leben aufklären sollte. Deshalb hielt Buß landauf landab Versammlungen ab, die jedoch nicht überall verstanden und gut aufgenommen wurden.

    So wurde er im Revolutionsjahr 1848 nach einer schmählichen Enttäuschung in Tauberbischofsheim von den Bewohnern des Erftales und namentlich Hardheims mit offenen Armen empfangen: Als er nach Tauberbischofsheim kam und in Ermangelung eines anderen Raumes in der Stadtkirche zu den Katholiken sprach, wurde die Kundgebung durch aufgehetzte Bürger gestört. Der Pöbel belagerte das Pfarrhaus und wollte den Redner bedrängen, wie historische Quellen berichten. Es gelang ihm, zu entkommen. Kurze Zeit später traf Ritter von Buß, geschützt von ein paar Bauernburschen, in Hardheim ein.

    Seiner Zeit weit voraus

    Seine sozialen und politischen Gedanken, mit denen er seiner Zeit weit voraus war, fanden im Erftalraum guten Anklang. Johann Michael Christophel, 1838 bis 1851 Pfarrer von Hardheim, und die Gemeinde nahmen die Anregung auf, zur Belehrung und Unterhaltung der Bevölkerung eine Volksbücherei zu gründen. Es war eine der ersten Volksbüchereien, die sich dem bereits 1845 in Bonn gegründeten Borromäusverein anschloss. Dem Beispiel Hardheims folgten noch im selben Jahr Freiburg, später Heidelberg, Karlsruhe und andere Orte.

    Der 1801 in Walldürn geborene Pfarrer Johann Michael Christophel war ein sehr sozial denkender Mensch. Er war es auch, der 1857 in seiner Heimatgemeinde das erzbischöfliche Kinderheim begründete und lange Jahre leitete.

    Borromäusverein

    Den Borromäusverein als katholischen Verein gibt es in ganz Deutschland außer in Bayern, wo sich die vergleichbare Einrichtung St.-Michaels-Bund nennt. Früher bestand der Hardheimer Borromäusverein aus beitragszahlenden Mitgliedern, denen einige Vergünstigungen eingeräumt wurden. Heute fungiert er nur noch als Trägerverein. Mitglieder sind im Grunde all diejenigen, die Bücher ausleihen und das Bildungs- und Unterhaltungsangebot wahrnehmen. Die Hardheimer Borromäusbücherei besaß 1880 bereits 400 Bände. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es 1100, 1925 bereits 1305. Im Zweiten Weltkrieg ging der Bestand deutlich zurück. 1948 zählte die Bibliothek dann wieder 1400 Bücher.

    Im gleichen Jahr feierte man das 100-jährige Bestehen der Pfarrbücherei, wie diese Einrichtung früher hieß. Hierzu gab es im Erftalsaal eine Feierstunde mit Professor Englert aus Buchen, der die Festrede hielt. Der Kirchenchor unter Leitung von Monsignore Bolik und das Rippien-Quartett umrahmten den Abend musikalisch.

    Fst 80 Jahre lang war die Pfarrbücherei im Pfarrhaus in Hardheim untergebracht. Danach zog sie kurzzeitig in das Marstallgebäude und ab 1969 in das ehemalige Gasthaus Rose um. Seit 1974 hat sie im Pfarrheim ihr Domizil. Die erste Buchausstellung – damals bereits in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Maring – gab es zu Beginn der 1960er Jahre. Seitdem wird der Buchbestand alljährlich im November der Öffentlichkeit vorgestellt. Derzeit beläuft er sich auf etwa 3730 Titel, darunter 509 Tonträger (Hörbücher Musikkassetten), Spiele für Kleinkinder und Kinder im Grundschulalter sowie Zeitschriften, die ebenfalls ausgeliehen werden können. Etwa die Hälfte der Bücher ist Kinder- und Jugendliteratur. Die 14 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen investierten im vergangenen Jahr 563 Arbeitsstunden in die Bücherei. Daneben wurden größere 28 Veranstaltungen organisiert und durchgeführt. i.E.

    Über 50 Jahre lang leitete Sophie Volkert mit großem Engagement die Bücherei. 2001 übernahm ein nicht minder einsatzfreudiges Team um Kornelia Benig und Gabriele Berberich die Leitung.

    Fränkische Nachrichten

    09. August 2008



    Zur Person: Franz Joseph Ritter von Buß

    Franz Joseph Buß, ab 1863 Ritter von Buß, wurde am 23. März 1803 in Zell am Harmersbach geboren. Er starb am 31. Januar 1878 in Freiburg. Er war Jurist, Staatsrechtswissenschaftler und katholischer Politiker, großherzoglich badischer Hofrat und ab 1836 ordentlicher Professor für Staatswissenschaft und Völkerrecht sowie 1844 zusätzlich auch noch für Kirchenrecht in Freiburg. Buß betätigte sich als Herausgeber und Redakteur verschiedener katholischer Zeitungen. Er war Gründer katholischer Vereine, Inhaber von bedeutenden Laienpositionen in der Kirche und Mitbegründer der Görres-Gesellschaft. Mit 34 Jahren wurde Buß als Kandidat des Wahlkreises Gengenbach- Oberkirch in die Zweite Kammer der Badischen Ständeversammlung gewählt. Er befürwortete grundsätzlich die Industrialisierung, warnte aber vor nachteiligen Folgen für die Arbeiter. Deshalb forderte er bereits damals Maßnahmen wie Arbeitszeit-beschränkungen, Unfallschutz, Bildungsmaßnahmen und staatliche Hilfe bei Existenzgründungen. Darüber hinaus setzte er sich – gerade auch während des badischen Kulturkampfes – für die politische Freiheit der Kirche ein. 1848 wurde er zum Präsidenten des ersten Deutschen Katholikentages in Mainz gewählt. Buß gehörte er von 1837 bis 1840und von 1846 bis 1848 der Zweiten Kammer des badischen Landtags an. Vom 5. Dezember 1848 bis zum 30. Mai 1849 war er als Abgeordneter für Nienborg in Westfalen Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Das Eintreten für das habsburgische Kaisertum brachte ihm 1863 die Erhebung in den österreichischen Adelsstand (Ritter). 1873 kehrte er nochmals in die badische Kammer zurück. Für die Zentrumspartei gewann Buß im Wahlkreis Tauberbischofsheim 1874 ein Reichstagsmandat, das er bis 1877 innehatte.