„Probleme der Gesellschaft nicht ausklammern“
Option für die Armen Bestandteil der kirchlichen Arbeit von Bischof Merkel
Auf Heimaturlaub im Erftal
Spenden gut angelegt
Hardheim. Bischof Meinrad Merkel kommt
gern in seinen Geburtsort Hardheim. Hier
ist er ins Taufbuch eingetragen. In Erfeld
verbrachte er seine frühe Jugend, er hat
dort noch viele Freunde. Auch die politische
Gemeinde hat den Spiritaner nicht
vergessen und bedenkt in der Weihnachtsaktion
„Spenden, statt Weihnachtskarten“
alljährlich den Bischof mit den Erlösen.
Seinen Heimaturlaub nahm er zum Anlass,
dafür und für den Ertrag des Hungermarsches
bedankte sich Merkel in der Eucharistiefeier
am Freitagabend, die er zusammen
mit den Pfarrern Lang, Hauck und
Frank im Erftaldom zelebrierte.
In seiner Predigt stellte er den väterlichen,
christlichen Gott den Zuhörern vor
Augen, der mit den Menschen im Bund sei
und ihnen aus Liebe die zehn Gebote als
Richtschnur für ein geglücktes Leben gegeben
habe. Die Kurzfassung aller Gebote sei
die Zusammenfassung im Liebesgebot, das
den Menschen anleite mit den Füßen am
Boden zu bleiben, mit den Augen den
Nächsten wahrzunehmen und den Blick
zum Himmel zu richten.
Sieglinde Böhrer vom Arbeitskreis Mission
im Hardheimer Pfarrgemeinderat begrüßte
nach der Messfeier im Pfarrheim
den Schirmherrn des diesjährigen Hungermarsches,
Pfarrer Franz Lang, den Vorsitzenden
des „Fördervereins für die Mission“
Anton Fach (Walldürn), den Initiator der
Hilfe für Kwamndolwa in Tansania Claus
Hamberger (Walldürn), die Spender und
Akteure, die das „Wandern für die Anderen“
geplant und durchgeführt haben.
16 300 Euro sind bisher auf den Spendenkonten
eingegangen und konnten durch
Pfarrer Lang am Freitagabend in einer ersten
Rate von je 7500 Euro Bischof Meinrad
Merkel und Claus Hamberger übergeben
werden.
Gespannt waren die Besucher, von Bischof
Merkel aus erster Hand zu erfahren,
wie in der Diözese Humaita der katholische
Glaube gelebt wird. 1979 wurde diese größte
Diözese Brasiliens gegründet. Sie umfasst
ein Gebiet von 140 000 Quadratkilometer
im südlichen Amazonasbecken. Zu
ihr gehören 70 000 Katholiken, die hauptsächlich
in Gemeinden entlang des Flusses
Madeira und an der Trans Amazonika liegen.
Dort sind verschiedene Indianervölker
und eine Mischbevölkerung zuhause.
Die Anziehungskraft der Städte, insbesondere
für die Jüngeren, sei verständlich,
so der Bischof, denn es gebe auf dem Land
kaum Arbeitsmöglichkeiten. Wenig Industrie,
Land- und Forstwirtschaft, Handel,
die Fischerei und die Verarbeitung von
Früchten bieten die einzigen Möglichkeiten
zum Broterwerb.
Nur 17 Priester müssen zusammen mit
330 Ordensfrauen, die gesamte Leib- und
Seelsorge bewältigen. Seit 2004 wurden
zwei Neupriester geweiht. Immer wieder
kommen ins Priesterseminar Interessenten,
die sich zum Dienst in der Kirche berufen
fühlen. Ein geistliches Wort ist alle Morgen
im Radio zu hören und fünf katholische
Fernsehkanäle versuchen die Gläubigen zu
erreichen. Oft scheitere aber der Zugang an
den Finanzen.
Besonders lobenswert anerkannte der
Bischof, wie sich die Frauen in seiner Diözese
ins kirchliche Leben einbringen. Neu
sei der Versuch im „Verein der Ordensgemeinschaften“
verschiedene Kommunitäten
mit den unterschiedlichen geistlichen
Ausrichtungen in einem Konvent zusammenarbeiten
zu lassen.
Neben einem monatlichen Informationsblatt
habe die Diözese eine eigene Homepage.
Ähnlich wie in Deutschland weite sich
die Kinderpastoral aus, während die Jugendpastoral
zu wünschen übrig lasse.
Sehr hilfreich seien die Brüderlichkeitskampanien
der Bischofskonferenz. Hier
greife die Kirche als soziales Gewissen alljährlich
aktuelle Themen auf, die hilfreich
seien, das Leben zu bewältigen.
Als aktuelle Probleme der Gesellschaft
nannte der Bischof eine hohe Zahl von Abtreibungen,
zerbrochene Familien, Arbeitslosigkeit,
die Korruption, Drogenhandel
und Drogenkonsum und die Existenz
einer Zweiklassen-Gesellschaft. Auf der
einen Seite gebe es Stadtviertel der reichen
Mittelschicht, die eingezäunt und stark bewacht
seien, andererseits die Armenviertel,
in die sich nicht einmal die Polizei zu gehen
traue. Da der Staat nicht die moralische
Fähigkeit habe, dagegen anzugehen, sei die
Kirche als eine unabhängige, moralische
Instanz eine gefragte Institution.
Auf die Frage, wie es in seiner Diözese
mit der „Theologie der Befreiung“ stehe,
gab Bischof Merkel die eindeutige Antwort:
„Es darf keine Verkündigung geben,
welche die Probleme der Gesellschaft ausklammert.
Die Option für die Armen ist Bestandteil
der kirchlichen Arbeit in meiner
Diözese“.
Bischof Merkel verwies auch auf vorbildliche
Gesetze in Brasilien, die zum Beispiel
einen Mindestlohn festschreiben, und die
Kranken- und Rentenversicherung, die jeder
in Anspruch nehmen darf. Was die Finanzierung
der kirchlichen Arbeit in Brasilien
angehe, gebe es einen Ausgleich zwischen
den reichen und den armen Diözesen,
den Beitrag jedes Katholiken für den Unterhalt
der Priester in seiner Pfarrei, die
Zahlungen von Adveniat und Misereor für
mehrfach geprüfte Projekte, Hilfen durch
den Vatikan und den Aufbau eines Spenderkreises
in der Heimat der Missionare.
Sieglinde Böhrer bedankte sich bei Bischof
Meinrad Merkel, der durch seine
schlichte, bescheidene Art und hohe Sachkunde,
gepaart mit einem großen Gottvertrauen,
seine Zuhörer überzeugte, dass bei
ihm, in seiner Diözese Humaita, jeder Euro
gut angelegt ist.
Noch bis Ende des Jahres dienen die
Hungermarschkonten den beiden Projekten.
Sieglinde Böhrer äußerte die Hoffnung,
dass bis Weihnachten durch weitere
Spenden je 10 000 Euro für beide Projekte
zusammenkommen. fgr
© Fränkische Nachrichten - 30.07.2007
|