"Beim Gottesdienst nicht auf die Uhr schauen"

    Der gebürtige Erfelder Pater Gregorn Geigeer lebt seit acht Jahren in Jerusalem / Gefragter Pilgerführer

    FN Interview von unserem Mitarbeiter Johannes Zang
    Jerusalem/Erfeld. Bruder Gregor Geiger (37) stammt aus Erfeld. Seit etwa acht Jahren lebt der Franziskaner in Jerusalem. Der gefragte Pilgerführer unterrichtet am "Studium Biblicum Franciscanum" die hebräische Sprache und promoviert gleichzeitig an der Hebräischen Universität. Die Fränkischen Nachrichten sprachen mit ihm über die Feier der Karwoche in Jerusalem.
    Bruder Gregor, wie muß sich ein Christ in Deutschland die Karwoche vorstellen?
    BRUDER GREGOR: Dieses Jahr fallen das westliche und das östliche Osterfest sowie das jüdische Pessachfest zusammen. Die Stadt ist erfreulicherweise sehr voll mit Pilgern. Die Karwoche ist geprägt von langen, feierlichen Gottesdiensten und von Prozessionen, die auch auf der Straße stattfinden.
    Man schätzt, dass Jerusalem nicht einmal mehr 10 000 Christen zählt. Macht sich das in der Karwoche bemerkbar?
    BRUDER GREGOR: Zu den Feiertagen kommen einheimische Christen aus anderen Landesteilen, vor allem aus Galiläa. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass die Christen eine kleine Minderheit sind, vielleicht auch eine schwindende, aber trotzdem eine, die sehr spürbar ist. Man sieht hier mehr Rosenkränze am Rückspiegel im Auto und mehr Häuser, die mit Kreuzen oder Marienbildern geschmückt sind, als in Deutschland.
    Kennt die katholische Kirche Riten in der Karwoche, die wir in Deutschland nicht begehen?
    BRUDER GREGOR: Ein Ritus, der in der klassischen katholischen Liturgie nicht vorkommt, ist die Feier der Kreuzabnahme und der Grablegung Jesu am Abend des Karfreitags. Eine hölzerne Jesusfigur, etwa ein Meter hoch, wird auf Golgotha vom Kreuz abgenommen, dann am Salbungsstein gesalbt und schließlich im Grab begraben. Das ist die volkstümlichste Feier der katholischen Kirche und wird von den Franziskanern seit mindestens 500 Jahren so gepflegt. Dazu kommen immer andere Gläubige und in der Kirche sind mindestens so viele orthodoxe wie katholische Christen.
    Was ist für Sie persönlich der Höhepunkt der Karwoche?
    BRUDER GREGOR: Die eigentliche Karfreitagsliturgie findet am frühen Vormittag um sieben Uhr am Ort der Kreuzigung bei verschlossenen Türen statt. Man muss pünktlich da sein, dann wird die Tür abgesperrt. Das hat den Vorteil, dass man nicht durch Besuchergruppen gestört wird. Gerade diese sehr ruhige, gesammelte Atmosphäre auf Golgotha ist für mich der beeindruckendste Gottesdienst in der ganzen heiligen Woche.
    Werden Sie auch Gottesdienste der anderen christlichen Gemeinschaften mitfeiern?
    BRUDER GREGOR: Eine wunderschöne Feier ist die Osternachtsfeier der äthiopisch-orthodoxen Christen auf dem Dach der Grabeskirche am Abend des Karsamstag - eine sehr innige Feier, die uns Europäern ziemlich fremd ist. Man fühlt sich wie mitten in Afrika.
    Was hat es mit dem legendären "Lichtsamstag" der Orthodoxen am Karsamstag auf sich?
    BRUDER GREGOR: In den meisten christlichen Traditionen beginnt Ostern am Vorabend. Nun ist die Osterlichtfeier schon am Nachmittag. Es ist eine Auferstehungsfeier. Die Menschen harren schon stundenlang vorher in der Kirche aus. Am frühen Nachmittag ziehen der griechisch-orthodoxe Patriarch und der armenische Patriarch in die Grabeskirche ein. Beide werden in das Heilige Grab eingeschlossen. Das Grab wird von außen versiegelt. Nach etwa zwanzigminütigem Gebet reichen sie brennende Fackeln durch zwei Öffnungen der Grabkapelle hinaus. In diesem Moment zünden sich alle Gläubigen ihre Kerzen an. Es ist ein Jubel, wie er in einer deutschen Kirche kaum vorstellbar ist. Das erinnert einen an den Jubel in einem Fußballstadion, wenn ein Tor fällt.
    Wann beginnt bei den Franziskanern die Osternacht?
    BRUDER GREGOR: Da die Absprachen mit den anderen Konfessionen ziemlich genau eingehalten werden müssen, um Reiberein zu vermeiden, haben wir die katholische Osternachtsfeier noch wie zu Zeiten vor der Liturgiereform am Karsamstag früh um 6.30 Uhr. Ein Gedanke gefällt mir: Wenn man die Länder im Fernen Osten, die uns um Stunden voraus sind, betrachtet, ist trotzdem die erste Osternacht, die überhaupt in der ganzen Welt gefeiert wird, die am leeren Grab.
    Werden Sie mit Ihrer Auferstehungsfeier rechtzeitig fertig sein bis zur Lichtliturgie der orthodoxen Christen?
    BRUDER GREGOR: Ja. Wir sind so rechtzeitig fertig, dass die katholischen Gläubigen aus der Kirche herauskönnen und die Orthodoxen hineinkönnen. Die Zeiten sind genau aufeinander abgestimmt.
    Gibt es in Jerusalem die Tradition des Emmausganges?
    BRUDER GREGOR: Eigentlich nicht. Es gibt mehrere Orte, die für sich in Anspruch nehmen, Emmaus zu sein. Die Franziskaner feiern den Ostermontag im Dorf Emmaus-Qubeibe, das in der Nähe von Ramallah liegt. Die deutschsprachige katholische Gemeinde hat seit einigen Jahren diese Tradition aufgegriffen und eine Gruppe von großteils deutschsprachigen Christen geht am Ostermontag zu Fuß in dieses Dorf, um am Nachmittag einen deutschen Gottesdienst zu feiern.
    Wie können sich Christen in Deutschland von den Kar- und Ostertagen im Heiligen Land anregen lassen?
    BRUDER GREGOR: Es sind schöne Liturgien, obwohl die Kirchen eng sind und oft dunkel. Es kommen Menschen zusammen, die keine gemeinsame Sprache haben, aber die beim Gottesdienstfeiern nicht auf die Uhr schauen. Sie haben ihre Freude an innigen Gottesdiensten. Deutsche können von hier den Mut mitnehmen, den Glauben nicht zu verstecken, sondern vor der Umgebung zu zeigen.

    © Fränkische Nachrichten - 05.04.2007